Ursprünge und Hintergründe:
Die Historie der Innenraumbepflanzung

In historischen Quellen über die Anfänge der Innenraumbepflanzung werden zwei Themen sichtbar: zunächst die Einführung von Topf-pflanzen und an zweiter Stelle die Platzierung dieser Topfpflanzen in Innenräumen. Während einheimische Pflanzen in Töpfen unter freiem Himmel wachsen können, benötigen exotische Pflanzen spezielle klima-tische Bedingungen und müssen daher in Innen-räumen gezogen werden.

Die hängenden Gärten der Semiramis in Babylon (814-810 v.Chr.):

Diese Gärten demonstrieren am eindruckvollsten, wie in der Antike Pflanzen in Steingefäßen auf Terrassen gezogen wurden. Die Ursprünge der Topfbepflanzung liegen wahrscheinlich in Griechenland. Von dort aus verbreitete sich die Topfpflanzenzucht über andere Gebiete des Mittelmeerraums. Zum Ende des 4. Jahr-hunderts v.Chr. war die Topfpflanzenzucht allgemein üblich und Dachgärten galten nicht mehr als Besonder-heit. Die Ägypter hegten offenbar eine große Vorliebe für Pflanzen und Blumen, jedoch die Grabmalereien belegen, dass erst ab dem 3. Jahrhundert v.Chr. Pflanzen in Innenräume Einzug hielten. Die Pflanzen standen in Tontöpfen und dienten zum Schmuck von Innenhöfen.

Schon in Pompeji gab es Zimmerpflanzen

Funde zwischen den Ruinen von Pompeji deuten darauf hin, dass dort schon vor 2.000 Jahren Zimmer-pflanzen gezogen wurden. Es gibt Belege dafür, dass römische Atrien mit zahlreichen Blütenpflanzen in Hängetöpfen- und körben ausgestattet waren. Kaiser Tiberius hatte Treibhäuser, in die das Sonnenlicht nicht durch Glas, sondern durch Lapis Specularis, eine Art Glimmer, hereinfiel. In diesen Treibhäusern wurde die aus Dung frei werdende Wärme dazu verwendet, auch im Winter Gemüse und exotische Pflanzen, die Tiberius auf seinen Feldzügen gesammelt hatte, zu ziehen. Erst 290 n.Chr. verwendete man Glas und die Gebäude wurden beheizt.

Als Pflanzenjäger unterwegs

Die moderne Innenraumbepflanzung wäre undenkbar, wenn es nicht leidenschaftliche Pflanzenjäger und -sammler gegeben hätte. Offenbar hatten vor allem Reisende von jeher die Neigung, Pflanzen zu sammeln. Anfänglich wurden Pflanzen gesammelt, die wertvolle Nahrungsmittel darstellten oder einen medizinischen Wert hatten. Später dann stand der dekorative Aspekt im Vordergrund.

Ägyptische Königinnen schickten ihre Gärtner in ferne Länder, um Exemplare der dortigen Flora zu sammeln. Auch die Armeen der Griechen und Römer brachten von ihren Feldzügen exotische Pflanzen mit nach Hause. Die Kreuzfahrer brachten unbekannte Pflanzensorten nach England und Kolumbus kehrte mit Samen aus der Neuen Welt zurück.

Im 17. und 18. Jahrhundert befand sich an Bord der Handelsschiffe oft ein Botaniker, dessen Aufgabe es war, Pflanzen als essbar oder medizinisch wertvoll zu identifizieren.

Im 18. Jahrhundert tauschten die Botaniker John Bartram aus Philadelphia und sein Sohn William Pflanzen mit ausländischen Sammlern. Im Jahr 1728 legte Bartram in Amerika die ersten botanischen Gärten an.

1768 nahm Joseph Banks an einer Fahrt von Captain Cooks "Endeavour" teil und brachte 3000 Pflanzenarten mit, von denen der Wissenschaft ein Drittel gänzlich unbekannt war.

Kew-Gardens wurden zum bedeutendsten Garten der Welt, da die Pflanzen von Cooks drei Reisen dort angepflanzt wurden. 1789 waren dort 5.500 Arten registriert.

Der Durchbruch der Zimmerpflanzen im 19. Jahrhundert

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts führten die europäischen Entdeckungsreisen über die ganze Erde, so dass immer mehr Pflanzen gefunden, beschrieben, begehrt und gesammelt wurden. Es war en vogue, Pflanzen aus ästhetischen Gründen und aufgrund ihres praktischen Nutzens zu halten. Diese Mode führte dazu, dass Freilandpflanzen während der Blüte als Dekoration in die Räume geholt wurden.

Die Zimmerpflanzenzucht entwickelte sich in Europa zu einer großen Leidenschaft. Die Reichen aller Länder frönten ihr, vor allem jedoch die Briten. Sammler schickte man in die entlegensten Gebiete der Tropen, um Pflanzen für ihre wohlhabenden Auftraggeber mitzubringen - je exotischer und fremdartiger, desto besser. Der Besitz und die Zurschaustellung exotischer Pflanzen hatte großes soziales Prestige, und es herr-schte oft Konkurrenz zwischen den reichen Pflanzen-liebhabern. Zu dieser Zeit entstanden auch die großen Gewächshäuser.

Viktorianer

Die Besitzfreude der Viktorianer ist möglicherweise eine Ursache für den Aufbau der umfangreichen Pflanzensammlungen jener Zeit. Der wachsende Wohlstand der Industriellen und Kaufleute stattete sie mit der nötigen Finanzkraft aus, um Pflanzensamm-lungen anzulegen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahmen Expan-sionsdrang und Wohlstand des Viktorianischen Zeit-alters ab. Der Erste Weltkrieg bedeutete das definitive Ende eines ganz eigenen britischen Lebensstils. Die Gärtner wurden eingezogen, Kohle wurde rationiert, Luxus wurde zwangsläufig zur Nebensache. Aus Kostengründen schaltete man Heizungen aus, vernachlässigte Bewässerung und Pflege und ein Großteil der Pflanzen endete auf dem Kompost. In den 20er Jahren war eine Vielzahl der umfangreichen viktorianischen Pflanzenwelt verschwunden. Aus-nahmen bildeten lediglich einige sehr robuste Arten und die Exemplare, die in den botanischen Gärten oder den Gewächshäusern einiger Liebhaber überlebt hatten.

Glashäuser

Viele der exotischen Pflanzen, die nach Großbritannien zurückgebracht wurden, hätten im Freien nicht über-leben können und mussten daher in Innenräumen oder einer Art Glashaus gezogen werden. Die ältesten botanischen Gärten Europas im italienischen Padua verfügten etwa ab 1550 über Glaskonstruktionen. Aber erst im 17. Jahrhundert erlangten diese Schutz-vorrichtungen für empfindliche Pflanzen eine gewisse Verbreitung.

Gewächshäuser

Im 17. Jahrhundert bauten zunehmend mehr Gärtner in Großbritannien, den Niederlanden und Deutschland Gewächshäuser, um Myrten, Granatäpfel, Weinstöcke und Zitruspflanzen zu schützen.

Orangerien

Das 18. Jahrhundert war das Jahrhundert der Orangerien, die dazu dienten, die zu dieser Zeit überaus beliebten Zitrusbäume zu schützen. Die Bäume standen im Sommer im Freien und wurden im Winter in die Orangerie getragen. Orangerien waren meist eindrucksvolle Bauten, die das Selbstbewusstsein und den sozialen Stand ihrer Besitzer widerspiegelten. Neben Zitruspflanzen gehörten auch Ananas, Kakteen, Passionsblumen, Guaven und Papayas zu den Lieblingspflanzen der Reichen jener Epoche.

Der Kristallpalast von Joseph Paxton

Glasdächer, die Tageslicht einließen, kamen erstmals um 1717 in England auf und entwickelten sich schließlich zu den extravaganten, viktorianischen Glashäusern. Der Kristallpalast, den Joseph Paxton für die Weltausstellung 1851 schuf, bescherte ihm eine Erhebung in den Ritterstand. Die verschiebbaren Glasscheiben waren so ausgerichtet, dass sie sowohl als Lüftungen als auch als Überhitzungsschutz dienen konnten. Paxton war Obergärtner auf Chatsworth, dem Landsitz des Duke of Devonshire, und personi-fizierte den Idealtyp des viktorianischen Gärtners. Chatsworth selbst ist ein Musterbeispiel dafür, welche Innovationskraft aus einer Verbindung von Botanik, Wissenschaft, Technologie, Kunst mit einem reichen Gönner ausgehen konnte.


Seite drucken

Fenster schliessen