| Solararchitektur, Kultur und Pflanzen
Die
Luft in der mit Pflanzen verschwenderisch ausgestatteten Rotunde des Glashauses
in Herten ist einfach anders: ein bisschen feuchter und ein bisschen "softer"
als normal. Unwillkürlich ist man zum tiefen Einatmen animiert und
fühlt sich in einen Luftkurort versetzt. Dabei befindet man sich
nicht in einer von der Natur begünstigten Region, sondern am Rande
des nördlichen Ruhrge-bietes, das nicht unbedingt durch seine Luftqualität
Schlagzeilen macht.
Stadt im Umbruch
Mit seinen rund 68.000 Einwohnern ist die Stadt Herten im Umbruch begriffen.
In der ehemals größten Bergbau-stadt Europas ist im April 2000
mit der Schließung der Zeche Ewald/Hugo die Ära des Bergbaus
unwiderruflich zu Ende gegangen. Für die Dynamik des Struktur-wandels
lassen sich im Stadtgebiet zahlreiche Beispiele finden. Dazu zählen
moderne Wohnbauprojekte, das so genannte Zukunftszentrum und das Glashaus.
Dieses architektonisch eindrucksvolle Gebäude im Herzen der Stadt
beherbergt die Stadtbibliothek und bietet gleich-zeitig als Kulturtreff
den Bürgern ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm.
Das Glashaus geht auf eine Initiative des Unternehmers Karl-Ludwig Schweisfurth
zurück. Vor etwa 15 Jahren trat er an den damaligen Bürgermeister
Willi Wessel mit der Idee heran, einen Kommunikationsort unter Glas zu
errichten, und er stellte dafür 1 Mio. Mark zur Verfügung. Realisiert
wurde das Projekt nach zehn Jahren intensiver Diskussion mit einem Landeszuschuss
von weiteren 20 Mio. Mark und 6 Mio. Mark von Seiten der Stadt.
Grünes Kulturzentrum
Für die Planungsgruppe LOG ID aus Tübingen war die Aufgabe in
Herten eine Herausforderung. Sie wollte beweisen, dass Solararchitekturgebäude
nicht nur Energie sparen, sondern dass sie - neben moderner Technologie
- zahlreiche Möglichkeiten der Nutzung, wie zum Beispiel kultureller
Art, bieten. Dem Architekten Dieter Schempp und der Planungsgruppe geht
es weniger darum, so genannte Nullenergie-Häuser zu konstruieren,
die rein technisch orientiert sind. Im Gegenteil sehen die Tübinger
ihre Aufgabe darin, für den Menschen zu planen und zu bauen. Das
Ziel, so Schempp, müsse ein Gebäude sein, in dem sich der Mensch
wohl fühle und die Nutzung der Sonnenenergie selbstverständlich
sei. Als ökologischer Ansatz liegt dem Konzept des Glashauses ein
gekonntes System von Sonnenlicht, Pflanzen und Fernwärme zugrunde,
mit dem in Herten etwa 50 Prozent der Energiekosten eingespart werden.
Die wohltuende Wirkung von Pflanzen zeigt sich neben ihrem dekorativen
Wert vor allen Dingen in der Verbesserung der Luftqualität. So wird
die Abluft aus der Bibliothek zunächst in die Rotunde geleitet, wo
die Pflanzen sie mit Sauerstoff anreichern und Schadstoffe binden, bevor
die Luft in die Leseräume zurückströmt.
Prima Klima
Dank der gläsernen Bauweise bietet die Bibliothek in Herten ihren
Besuchern in allen vier Etagen helle und freundliche Leseecken. Besonders
erfrischend ist es, der Leseleidenschaft auf den Innenbalkonen in der
Rotunde nachzugehen und das ausgezeichnete Klima zu genießen. Im
Winter liegen die Temperaturen bei etwa 22° Celsius, im Sommer klettern
sie bei Sonnenein-strahlung auch schon einmal auf 30° Celsius. Dann
werden die Türen und Lüftungsklappen geöffnet. Wie sehr
dieses Konzept funktioniert, zeigen die Reaktionen der Besucher und Mitarbeiter
des Hauses: Sie empfinden die Atmosphäre als sehr angenehm.
Von Anfang an dabei: Pflanzen
Pflanzen spielen bei der "grünen Solararchitektur" eine
wesentliche Rolle. Sie sind von Anfang an Teil der Planung und müssen
auf das jeweilige Gebäude abgestimmt werden. Im Glashaus herrschen,
so Schempp, relativ gute Lichtverhältnisse, bei denen die ausgewählten
tropischen und subtropischen Pflanzen bestens gedeihen. Es ist eine Kunst
für sich, bereits in der Planungsphase eines Gebäudes die richtigen
Pflanzen auszuwählen. Die Tübinger Architekten haben für
diese Herausforderung eine Lösung gefunden und arbeiten seit 25 Jahren
mit dem Leiter des Botanischen Gartens in Tübingen zusammen.
Beim Blick in die gläserne Halle erregen an den Balkon-brüstungen
der Galerien Gefäße aus Edelstahl die Aufmerksamkeit. Alle
sind üppig mit Hängepflanzen, Zwergsträuchern und Bodendeckern
bepflanzt. Bei Veranstaltungen, von denen es im Jahr rund 500 gibt, dienen
die Galerien als Zuschauerlogen und erlauben aus luftiger Höhe den
Blick auf die gesamte Bepflan-zung. An den sonnigen Außenseiten
befinden sich vor allem schmalblättrige, teilweise grausilbrige,
lichthun-grige Arten, die ohne Sonnenschutz hervorragend gedeihen. Der
Bibliothek, dem Foyer und dem Bistro zugewandt, fallen vor allem mittel-
bis dunkelgrüne, aber auch Pflanzen mit hellen Blättern auf.
Wir finden beispielsweise Eucalyptus sideroxylon, Grevillea robusta (Australische
Silbereiche) und die Bergaralie (Oreopanax nymphaefolia) aus Guatemala,
die Durchblicke in die Rotunde erlauben. Für die Pflege der Pflanzen
sind städtische Gärtner verantwortlich. Im Abstand von 14 Tagen
sammeln sie welkes Laub ab und schneiden die Pflanzen wenn nötig
zurück. Da das Glashaus über eine automatische Bewässerungsanlage
verfügt, ist der Zeitaufwand für die Gärtner nicht sehr
groß.
Außergewöhnliches Erlebnis
"Grüne" Konzertsäle sind nicht die Regel und Rundbauten
sind dafür bekannt, dass ihre Akustik schwer in den Griff zu bekommen
ist. Die Allianz von Glas und Pflanzen hat sich in diesem Gebäude
jedoch als segensreich erwiesen. Man musste keinerlei zusätzliche
Maßnahmen ergreifen, um die Akustik des Raumes zu verbessern. Durch
die Pflanzen, die mit ihren Blättern den Schall brechen und ihn reflektieren,
ist sie so gut, dass der WDR den Raum seit etwa einem Jahr als Sendeort
nutzt.
Positive Resonanz
Was die Akzeptanz des Gebäudes in der Bevölkerung der Mittelstadt
betrifft, war das Glashaus am Anfang sehr umstritten. "Niemand wollte
es haben", so der Architekt Dieter Schempp. Für den Geschmack
der Einwohner sei es wohl eher eine Liebe auf den dritten Blick. Der Baustil
sei zu weit entfernt vom klassischen Saalbaubetrieb, zu modern und wohl
fünf bis sechs Jahre der Zeit voraus, verdeutlicht der Wirt des Bistros
die Situation. Doch im Laufe der letzten fünf Jahre hat sich die
Einstellung der Bürger grundlegend geändert. Heute hat das Glashaus
als Bibliothek und Kulturzentrum einen guten Ruf, auch weit über
die Grenzen der Stadt hinaus.
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